Veröffentlicht: 13. Oktober 2011 in Domains & DNS.

Exklusives Interview mit der Koordinatorin der Initiative dotHIV, Carolin Silbernagl, über den Ursprung der Initiative, Anwendungsbeispiele für .hiv und Unterstützungsmöglichkeiten für eine erfolgreiche Bewerbung.

Ideen, Zielgruppen und Umfeld

1. Wer steckt hinter .hiv und wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Initiative zur Einführung einer neuen gTLD .hiv ins Leben zu rufen?

Hinter der Initiative dotHIV der geplanten social cause Top Level Domain .hiv steht ein operatives Team von 9 Personen. Tobias Mölder ist unser einziger Vollzeitmitarbeiter, alle anderen schaffen sich den Freiraum für dotHIV neben ihren ‚Hauptberufen’.

Das Kernteam arbeitet eigentlich bei der Hamburger Kreativagentur kempertrautmann. Aus einer pro bono-Kampagne zum Thema HIV für die Michael Stich Stiftung ist auch die Idee entstanden: das Kreativteam um Philipp Kafkoulas und Stephan Förster stand 2010 vor der Aufgabe, Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen und kam zu dem Schluss, dass das auf klassischen Kommunikationswegen kaum mehr möglich ist.
Und so entstand abends beim Bier, ohne dass irgendjemand von uns je von ICANN und dem nTLD-Programm gehört hat, die Idee für .hiv. Dass die Realisierung einer non profit TLD für den Kampf gegen HIV und AIDS gerade jetzt möglich ist, kann man dann entweder als glücklichen Zufall oder als Wink des Schicksals verstehen.

Das Team hat sich Stück für Stück um wichtige Kompetenzen erweitert, ich selbst komme aus dem Nonprofit-Bereich, arbeite seit 6 Jahren im Stiftungswesen und habe seit Beginn des Jahres die Koordination der Initiative übernommen.

2. Wen soll die neue .hiv Domain ansprechen, und wen haben Sie als potentielle Kunden im Sinn? Was antworten Sie Privatpersonen und Unternehmen, die fragen „Wozu brauchen wir eine neue .hiv Domainendung?

Was im Kampf gegen AIDS und HIV bisher fehlt, ist ein globaler Raum im Internet, der Aktivisten, engagierte Unternehmen und interessierte Internetuser zusammenführt. dotHIV füllt diese Lücke und ermöglicht so eine neue Sichtbarkeit für die Pandemie.

Wen wir ansprechen: die Endkunden für .hiv-Domains sind v.a. Unternehmen; solche, die sich mit ihren Sozialprogrammen schon im Feld HIV engagieren und nach neuen Wegen der Kommunikation dafür suchen; solche, die inhaltlich auf das Feld spezialisiert sind (wie Spezial-Apotheken und –klinken oder Pharmaunternehmen); und solche, die ihr Onlinegeschäfts stärken wollen und nach innovativen Wegen des Onlinemarketings suchen, über das sich zu den Internetusern auch eine emotionale Bindung herstellen lässt. Die .hiv-Domains haben also einen ganz konkreten Produktnutzen.

Unser übergeordnetes Ziel ist aber natürlich das gesellschaftliche: Im Vertrieb der Domains können wir Überschüsse erwirtschaften, die zu 100% an HIV- und AIDS-Projekte auf der ganzen Welt verteilt werden. Nach den konservativen Annahmen unseres Businessplans ist das schon im 1. Jahr des Domainvertriebs 10x soviel wie das zum TLD-Antrag nötige Startkapital. Das ist ein erster, guter Grund, wieso die Welt .hiv-Domains brauchen kann.

Ebenso wichtig ist für uns aber der kommunikative Effekt: Durch das Klicken auf .hiv-Seiten, indem sich große Unternehmen mit der ‚virtuellen AIDS-Schleife’ einer .hiv-Domain zeigen, über Social Media und Onlineaktionen wie den gerade gestarteten jovoto-Design-Wettbewerb „A pixel against AIDS“ trägt dotHIV das Thema in die Breite, erreicht gerade die junge Generation und holt HIV aus der Schuddelecke. .hiv-Domains können das Bewusstsein für die einzige Krankheit, die weltweit überall präsent ist, steigern und das Stigma der Infektion senken.

3. Sind Sie mit Organisationen/Netzwerken, die zum Thema HIV arbeiten, in Kontakt und welches Feedback aus der HIV Community bekommen Sie?

Ja, natürlich, und wir arbeiten jeden Tag daran, unser Netzwerk noch weiter auszubauen. Das Feedback ist sehr gut, vor allem kleiner Organisationen haben Interesse an einer Kooperation. Das macht auch Sinn, denn die Gelder werden v.a. an kleinere zivilgesellschaftliche Projekte gehen, die in den globalen Vergabestrukturen bisher oft Schwierigkeiten haben, Mittel aufzutreiben.
Jan Bildhauer, unser „Mann in Südafrika“ hat selbst langjährige Erfahrung im Feld HIV, und kümmert sich um die Internationalisierung unseres Netzwerks.
Einige von denen, die uns auf die eine oder andere Art schon aktiv unterstützt haben: Michael Stich Stiftung, The global poverty project, Vergessen ist ansteckend, go Ahead!, i-magine.

 

Bewerbung, Policy und Umsetzung

4. Die Bewerbung um eine neue gTLD ist zeit- und kostenintensiv. Wie finanzieren Sie sich?

Die Finanzierung eines Social Business mit langer Anlaufzeit und hohen Initialkosten ist in der Tat eine Herausforderung. Im letzten Jahr konnten wir mit ehrenamtlichen Einsatz, pro bono-Leistungen (unser Imagefilm hat z.B. keinen Cent gekostet) und der Unterstützung von kempertrautmann viel bewegen.
Die Finanzierung des ICANN-Antrags läuft zum einen über Eigenkapital, über Privatdarlehen sozial interessierter Investoren.
Die Finanzierung des Antrags ist allerdings noch nicht sichergestellt. Um die letzte Hürde zu nehmen, starten wir heute, 16:00 Uhr, eine Crowdfunding-Kampagne, die für 30 Tage auf
www.indiegogo.com/dotHIV online steht. Wir freuen uns über Unterstützung in jedem Umfang.

5. Infos zur Policy: Wer kann eine .hiv Endung registrieren und was muss man bei der Registrierung von .hiv Domains beachten?

Jeder. Die Kernzielgruppen sind oben beschrieben, aber wir halten den Namensraum offen für alle, die unterstützen wollen. Gleichzeitig werden wir den Namensraum vor bestimmten Domains schützen, die dem Ziel von dotHIV widersprechen, wie z.B. www.there-is-no.hiv .
NGOs und internationale Organisationen aus dem Themenbereich HIV, die ‚ihre’ .hiv-Domain betreiben wollen, werden diese kostenfrei registrieren können. Der Registrierungsprozess wird ganz genau so laufen wir im Domaingeschäft üblich – über Registrare und einen professionellen Backend-Betreiber.

6. Können Sie einen Preis(rahmen) für die .hiv Domain nennen?

Der Großhandelspreis wird zwischen 100-200 € liegen, wobei dotHIV garantiert, dass mindestens 80% der Registryeinnahmen den HIV-Projekten zugute kommen, der Vewaltungsaufwand also nie über 20% liegen wird. Damit liegt die Organisation weit unter den Auflagen des Deutschen Spendensiegels für den effizienten Einsatz gemeinwohl-orientierter Gelder.

7. Arbeiten Sie mit anderen Domaininitiativen zusammen?

Die TLD-Beratung Dotzon unterstützt uns bei allen ICANN-verbundenen Fragen. Die Geschäftsführung von Dotzon verantwortet selbst einige TLD-Bewerbungen.

8. Wann wird man eine .hiv Domain nutzen können?

Wir hoffen, wie alle Bewerber, auf einen zügigen Evaluationsprozess von Seiten der ICANN und wollen im zweiten Quartal 2013 mit dem Domainvertrieb starten.

 

Perspektiven

9. Wer unterstützt Sie und welche Aktionen führen Sie momentan durch, um Ihr Anliegen bekannt zu machen?

Wir könnten die gesamte Vorarbeit zur TLD-Bewerbung und zum Aufbau eines internationalen Netzwerks im HIV-Bereich nicht stemmen, wenn wir nicht die Unterstützung von zahlreichen pro bono Partnern hätten. Die wichtigsten vier:

  • die Kreativagentur kempertrautmann unterstützt uns in der Kommunikation, und darüber hinaus in der Startup-Phase mit Räumlichkeiten, ihrem Netzwerk und auch finanziell.
  • die Onlinespendenplattform betterplace.org und ihre Trägerorganisation gut.org gAG stellen kostenlos die technische Infrastruktur für die spätere Geldervergabe und waren von Beginn an die wichtigste Tür in die Non-Profit- und Sozialunternehmerszene.
  • die nTLD-Beratung Dotzon berät uns wie gesagt im ICANN Bewerbungsprozess,
  • die Kreativplattform jovoto unterstützt unser Fundraising mit dem parallel geschalteten Designwettbewerb „A pixel against Aids“.

Derzeit konzentriert sich unsere Kommunikation auf die Crowd-Funding-Kampagne auf www.indiegogo.com/dotHIV . Dort sammeln wir 150.000 USD in 30 Tagen.
Der zeitgleich laufende Design-Kontest auf www.jovoto.com/c/dotHIV bringt Dynamik ins Crowdfunding, die Gewinnerentwürfe liefern hochwertige Incentives für geldwerte Unterstützung.

10. Wie kann man Ihre Initiative unterstützen und was wünschen Sie sich für die Zukunft von .hiv?

  • Wir freuen uns über Partner und Kooperationen, egal ob aus der Wirtschaft oder aus dem Non-profit-Bereich. Bei Interesse Mail an mail@dothiv.org
  • Wie gesagt hängt die Realisierung des Vorhabens noch an der Finanzierung derAntragskosten. Die Crowdfunding-Kampagne auf www.indiegogo.com/dotHIV macht auch kleine Unterstützung möglich, Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen mit Interesse an langfristiger Beteiligung sind herzlich eingeladen, sich an mail@dothiv.org zu wenden.

Wir wünschen uns, die erste Hürde für dotHIV – die Finanzierung und Bewerbung um die TLD .hiv – erfolgreich zu nehmen, um all den Menschen und Projekten, die um den Globus gegen HIV kämpfen, und an uns glauben, in naher Zukunft helfen zu können.

Das Interview führte Anette Schwitzke.

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